Freitag, 4. Juni 2010 – Von Villefranche-sur-Saône nach Lozanne (19 km)
Wieder scheint die Sonne schon früh und wir sehen zu, dass wir die Stadt so schnell wie möglich verlassen. Dafür müssen wir langsam aber stetig einen Berg hoch - Richtung Südwest (wohin auch sonst).
Vorbei geht es am Château Buisante zu unserer Rechten, versteckt hinter einer Mauer und einem standesgemäßen Schlosspark mit viel Wald. Also zu sehen gibt es vom Schloss nicht viel, dafür werden wir reichlich entschädigt durch einen weiten Blick zurück nach Villefranche und zu unserer Linken in das Saône-Tal.
Nach drei Kilometer sind wir oben, das heißt an der „Notre Dame de Buisante“, einer ganz in weiß erstrahlenden Kapelle, errichtet im 19. Jahrhundert auf einem 355 m hohen Hügel. Sie dominiert das Tal der Saône und bietet eine imposante Sicht auf die Berge des Beaujolais.
Besonders am Wochenende ist der Hügel ein beliebter Treffpunkt der Caladoises, so werden die Einwohner von Villefranche genannt. Wie es sich für einen derartigen Aussichtspunkt gehört, gibt es hier ein Restaurant mit Terrasse. Es ist kurz nach 10 Uhr und einige Angestellte sind schon mit den Vorbereitungen für den zu erwar- tenden Gästeansturm beschäftigt. Nein, „encore fermé“ bekamen wir zu hören, als wir nach einer Erfrischung fragen. Also setzten wir uns auf eine Bank unter einem schattigen Baum und genießen die fast 360-Grad-Rundumsicht.
Aber es ist ja noch früh und wir machen uns schon bald wieder auf den Weg. Schon nach einer Viertelstunde sind wir in dem kleinen, aber feinen Weinort Pommiers. Auch hier finden wir ein Restaurant, was sich „installé“ - wie die Franzosen sagen, also vorbereitet für das Mittagessen. Doch der Wirt ist gnädig, wir können uns setzen und etwas zu trinken bestellen.
Der nächste größere Ort liegt etwa 7 Kilometer entfernt. Bis dahin geht es abwechslungsreich rauf und runter durch Wiesen, Felder, Wälder und Weinberge. Zwischendurch ein einzelnes Haus oder Gehöft, mal sind es zwei oder drei.
Wir entdecken wieder mal mitten in der Landschaft am Weg ein kleines verlassenes steinernes „Ein-Mann“- Häuschen mit offenem Kamin. Wir haben es „Revolutionshäuschen“ getauft, da es wohl in der Zeit der französischen Revolution bzw. der napoleonischen Kriege gebaut wurde als Schutzhütte für die Verbindungssoldaten an den strategisch wichtigen Routen der Armee. Derartige kleine Häuschen haben wir seit Lothringen immer wieder gesehen.
Unterwegs begegnen wir - wie fast immer - kaum Wanderer. Doch plötzlich kommt uns im Wald „Bois d‘Alix“ auf dem Wanderweg „Tour de pierres dorées“ eine ganze Schulklasse mit Kindern entgegen. Aber goldene Steine finden wir nicht - na ja, beim Buddeln stoßen wir wenigstens auf goldgelbem Sandstein.
Kurz vor 14 Uhr erreichen wir Charnay. Jetzt wo wir die Häuser sehen, sind wir schlauer: „Vergoldete Steine“, ja fast alle diese idyllisch hergerichteten Anwesen sind mit dem besonders bei dem heutigen Sonnenwetter rotgold strahlenden Sandstein gebaut, der hier in der Gegend wohl üppig vorhanden ist und heute noch abgebaut wird. So haben sich Charnay und weitere elf Gemeinden des Beaujolais zu einem entsprechenden Zweckverband „Communauté de communes Beaujolais-Saône-Pierres-Dorées“ zusammengeschlossen.
Vor der Mairie, dem Bürgermeisteramt, und der Kirche gibt es einen Marktplatz mit Sitzgelegenheit; auch ein Restaurant hat geöffnet. Man spürt es heute auf dem gesamten Weg: Es handelt sich um einen attraktiven und touristisch gut erschlossenen Landstrich, der mit so manchem Gegenden in der Provence konkurrieren kann.
Nun sind es noch gut eine Stunde bis zu unserem letzten Etappenziel der diesjährigen Tour. Es geht jetzt nur noch bergab, vorbei an „les Porrières“ und „les Collonges“ - dann sind wir gegen 15 Uhr in Lozanne. Wir gehen die Fußgängerbrücke über die l'Azergues. Dort, hinter dem Wochenmarkt (oder wird er täglich abgehalten?), gibt es einen Bahnhof. Wir schauen nach und in einer halben Stunde fährt ein Zug nach Lyon.
In Lozanne beschließen wir also unsere „Tour 2010“, die wir - wenn alles gut geht - im nächsten Jahr an dieser Stelle fortsetzen wollen. Heute sind wir - finde ich - den abwechslungsreichsten Weg unserer Tour gegangen. Es passte aber auch alles, das Wetter, nicht zu heiß, ein erfrischender Sommerwind, immer wieder schattige Wege, klare Sicht, Gelegenheiten zu Pausen mit Einkehr, mediterrane Landschaft mit vielseitiger, reichlich blühender Vegetation.
Die Fahrt mit der Bahn nach Lyon dauert nur zwanzig Minuten. Am Dienstag geht es zurück nach Köln, das heißt, wir haben volle drei Tage zur Verfügung, die Stadt kennen zu lernen. Aber diese Zeit brauchen wir auch, denn es gibt viel zu sehen.
Lyon mit seinem Umland ist die zweitgrößte Stadt Frankreichs. Es erinnert vieles an Paris, z.B. der „Tour métallique“, der aussieht wie der Eiffelturm, nur etwas kleiner. Er liegt auf dem Hügel „Fourvière“. Wenn man von unten (160 m) hochsteigt, hat man eine Höhe von 294 m zu „erklimmen“. Ähnlich wie auf Montmatre in Paris mit der Kirche „Sacre Coeur“ gibt es auch auf dem Lyoner Hausberg eine weiß strahlende im 19. Jahrhundert erbaute Basilika: „Notre Dame de Fourvière“.
Aber Lyon hat gegenüber Paris vieles mehrfach: Nicht nur einen Berg, von dem man abends die Lichter der Großstadt bewundern kann. Nein, es gibt auch noch den „Mont-d‘Or“ im Nordwesten und „la Croix Rousse“ im Norden. Paris hat zwar die Seine, Lyon aber hat gleich zwei Flüsse: Die von Norden fließende Saône mündet hier in die vom Osten aus der Schweiz kommende Rhône. Diese wiederum bewegt sich über eine Strecke von 300 km weiter südwärts fort und ergießt sich bei Marseille in die Weiten des Mittelmeeres.
Ich fühle mich in Städten dann besonders wohl, wenn sie zwei Dinge vorweisen: Wasser (das Meer, einen See oder Fluss) und einen Berg (kann auch ein Hügel sein, nur hinunter schauen muss man können). So lieben wir in Frankreich neben Paris besonders Avignon, Cannes oder Nizza. Na ja, Köln hat den Rhein und - als Hausberg - den „Monte Klamotte“.
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Tour 6 - Etappe 9 |
Zu den Notizen der Etappen: |